Medizin

Die Anthroposophische Medizin ist eine vergleichsweise junge Disziplin. In den Jahren 1920 bis 1924 hielt Rudolf Steiner in Dornach in der Schweiz einige Kurse für Ärzte, und 1925 gab er – in Zusammenarbeit mit der Ärztin Ita Wegman – das Buch „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen“ heraus. Dieser Titel verrät einiges über das Selbstverständnis der anthroposophischen Medizin; sie ist keine Alternativmedizin, sondern erweitert die naturwissenschaftliche, konventionelle Medizin um geisteswissenschaftliche Erkenntnisse. Der anthroposophisch tätige Arzt versucht den ganzen Menschen bzw. Patienten als eine Einheit von Körper, Seele und Geist zu erfassen, legt also sein Augenmerk nicht nur auf die sich im körperlichen äußernde Krankheit. Die anthroposophische Medizin steht also keineswegs in Opposition zur konventionellen Medizin, sondern sie setzt auf deren naturwissenschaftlicher Basis auf und nützt ihre sinnvollen Erkenntnisse und Möglichkeiten wie Medizintechnik, Laborkontrollen, Eingriffe und Medikamente. Während die naturwissenschaftliche Methode aber den Arzt dazu zwingt, die Patienten weitgehend pauschal und nach standardisierter Routine zu behandeln, eröffnet die anthroposophische Methode einen individuellen Zugang zum Patienten. Die Biographie, Rhythmen, Bewegungen, Atmung, Sprache und Haltung sind Beispiele dieser sehr individuellen Charakteristik eines Patienten. Vom Arzt wird dabei eine besondere und immer wieder neue und aufmerksame Hinwendung zum Patienten gefordert, die ihm mit seinem Wissen, seiner Erfahrung und seiner Urteilsfähigkeit und Intuition die richtige Therapie finden lässt.

Die Gesundheit ist nicht einfach ein fester Zustand, der irgendwann von einer Krankheit abgelöst wird. Vielmehr ist die Gesundheit die Fähigkeit des Menschen die Krankheitseinflüsse des täglichen Lebens auszugleichen also Ergebnis einer ständigen Selbstheilung. Ist ein Mensch dazu nicht in der Lage entsteht zunächst ein Ungleichgewicht in ihm, das sich als Befindlichkeits- und Funktionsstörung äußert. Daraus kann dann eine physisch manifeste Krankheit werden. Die anthroposophische Therapie zielt darauf ab, die Selbstheilungskräfte des Menschen aufzurufen und zu stärken. Die Ernährung spielt für die Gesundheit eine besondere Rolle und Produkte mit Demeter-Qualität tragen viel zum inneren Gleichgewicht ihrer Konsumenten bei.

SonnenhutIn der Therapie stehen dem anthroposophischen Arzt eine Fülle von Heilmitteln und Heilmethoden zur Verfügung. Aus allen Naturreichen – Mineralien, Pflanzen und Tiere – können Substanzen verwendet werden. So helfen beispielsweise die Wurzeln des Gelben Enzians bei Verdauungsstörungen, eine besondere Mischung von Blei und Honig bei Nachlassen der Denk- und Gedächtnisleitung, Ameisen als Salbe zubereitet bei Durchblutungsstörungen der Finger, Zinn bei Knorpelschäden, Schafgarbe bei Störungen der Leber, Weißdorn bei bestimmten Funktionsstörungen des Herzens, Ackerschachtelhalm bei Störungen der Nieren, Eisen aus Sternschnuppen unterstützt die Tatkraft und der Sonnenhut dient der Abwehrsteigerung zur Infektabwehr. Es gibt auch eine Reihe von besonderen Zubereitungen, etwa Primeln, die mit Gold gegossen und verascht werden, und so die Rekonvaleszenz unterstützen, oder Metalle die unter großer Hitze im Vakuum zu Metallspiegeln verdampft werden und so in besonders reiner Form vorliegen. Diese Beispiele zum Einsatz von Heilmitteln geben natürlich nur typische Fälle wieder, im Einzelfall liegt die Wahl der geeigneten Therapie beim behandelnden Arzt. Die Heilmittel werden direkt als Extrakt oder in homöopathischer Potenz verwendet. Diese Potenzierung lässt eine große Nähe der anthroposophischen Medizin zur Homöopathie vermuten. Die beiden Methoden unterscheiden sich jedoch grundlegend in ihrer Ratio, also in der Art der Arzneimittelfindung. Die Homöopathie orientiert sich nach den Vergiftungsbildern der Substanzen im Sinne von „ Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“. Die Anthroposophische Medizin sieht den Menschen als eine Einheit von Körper, Seele und Geist, mit seinen Wesensgliedern – physischer Leib, Lebensleib, Empfindungsleib und Ich-Träger – die in den einzelnen Organen in speziellen Rhythmen und Harmonien zusammenwirken und Polaritäten wie zum Beispiel Verhärtung und Auflösung die je nach Organ ein bestimmtes Gleichgewicht haben. Anthroposophische Arzneien helfen dabei, Disharmonien und Störungen in diesem komplexen Zusammenklang auszugleichen. Die Darreichungsformen der Heilmittel sind vielfältig; als Wickel, Salben, rhythmische Einreibungen, Bäder und Tees. Darüber hinaus gibt es künstlerische Therapieverfahren wie plastisches Gestalten, Zeichnen und Malen, Musiktherapie, Sprachgestaltung und Heileurythmie, die im Patienten unter Anleitung des Therapeuten durch eigenaktives und kreatives Handeln heilende Prozesse anregen. Ein besonders bekanntes Heilmittel aus der anthroposophischen Medizin ist die Mistel, die bei der Karzinomtherapie zum Einsatz kommt, und nicht nur von anthroposophischen Ärzten verwendet wird.

Autor: Dr. Alexander Erben
Der Artikel ist zuerst in der Ausgabe Johanni 2007 der Demeter-Zeitung erschienen, und wurde mit Erlaubnis der Redaktion hier eingestellt.